Gitterschalenkonstruktion des Freilichtmuseum Weald and
Downland in Sussex, England
Bisher gibt es nur wenige Beispiele für selbsttragend
zweilagige Gitterschalen. Die erste wurde 1975 von Frei Otto
und Carlfried Mutschler in Zusammenarbeit mit Ted Happold
für die Bundesgartenschau in Mannheim entworfen. Zwei
weitere wurden in Japan errichtet. Der Grund für die
seltene Ausführung liegt vermutlich in der Schwierigkeit,
aus dem flachliegenden Gitter in einem exakt gesteuerten Formungsprozess
die selbsttragende Schale zu errichten. Bei der Gitteschale
in Weald and Downland konnten einige neue Techniken in der
Konstruktion erprobt werden, die diese Schwierigkeiten
überwinden.

Das Freilichtmuseum Weald und Download, in Sussex, England,
ist ein internationales Zentrum für historisches Bauen
aus der Zeit zwischen dem 15. und 19 Jahrhundert. Für
die anfallenden Restauraturarbeiten, die Demonstration traditioneller
Holzbauweisen und Handwerkstechniken sowie die Unterbringung
des umfangreichen Archivs wurde ein modernes Gebäude
errichtet, dessen Dachkonstruktion aus einer Gitterschale
besteht. Die ganzheitlich umweltbewusste Entwurfsphilosophie
zeigt sich in der Verwendung örtlicher Materialien und
der minimalen Dimensionierung der aus frisch geschlagenen
Eichenhölzern aufgebauten Gitterschale.
Das Gebäude erstreckt sich über eine Länge
von 50 m, die Breite variiert zwischen 12 m und 15 m, die
Höhe zwischen 7,35 m und 9,5 m. Der dreifach ausgebuchtete
Grundriss wird an den beiden Kopfseiten durch parabelförmig
ausgebilderte Bögen abgeschlossen. Diese sind mit großen
Toren versehen, die den Zugang zum Gebäude sowie eine
Andienung der Werkstätten ermöglichen. Das Gebäude
ist zweigeschossig aufgebaut, erscheint dem Besucher von außen
jedoch eingeschossig, da das Archiv komplett in den hügeligen
Kreidebogen eingegraben wurde. Dadurch kann die thermische
Masse des Bodens für eine gleichbleibende Temperierung
der Archivräume genutzt werden. Die dem Archiv quer aufgelegten,
kräftig dimensionierten Leimholzbinder bilden die Unterkonstruktion
für den Werkstattboden. Sie kragen seitlich aus und tragen
an ihren Enden die filigran wirkende, dreidimensional gekrümmte
Gitterschale.
Aufbau und Konstruktion der Gitterschale
Mit einem Flächengewicht von nur 5 kg/m² erreicht
die 50 m lange, knapp 1200 m² große Gitterschale
ein Gesamtgewicht von 4 Tonnen. Einschließlich der Dachhaut
wird letztendlich ein Gesamtgewicht von 20 Tonnen erreicht.
Die Schale wird durch zwei leichte Einschnürungen dreigeteilt,
im Verlauf des Firstes ergeben sich drei kleinere Erhebungen.
Statisch gesehen entspricht dies der Ausformung von drei kleinen
Kuppelschalen - der effizientesten dreidimensionalen Form
-, die wiederum zu einer Gesamtschale gekoppelt werden. Die
sich hierdurch ergebende Reihung von konkaven und konvexen
Kurven unterstützt die Gebäudeaussteifung und nimmt
die asymmetrischen Lasten auf.
Dem oben aufgeständerten, wellenförmig verlaufenden
Flachdach schließt sich ein durchlaufendes Oberlichtband
an. Dieses wird im unteren, in die Senkrechte übergehenden
Bereich abgelöst von einer vertikal verlegten Stulpschalung
aus Zedernholz. Die wellenförmige, organische Form der
Gitterschale des Museums passt sich materiell ihrer Umgebung
an und nimmt die Topographie der Landschaft auf.
Die Gitterschale des Downland Museums besteht im Gegensatz
zu früheren Konstruktionen aus zwei zweilagig aufgebauten
Gitterrosten. Die statisch erforderlichen Querschnitte konnten
so auf vier Schichten verteilt werden. Die verwendeten Latten
aus frisch geschlagenem Eichenholz sind 3,5 x 5 cm dünn
und können auf Grund des verringerten Querschnittes und
des hohen Saftgehaltes des Frischholzes sehr engen Radien
folgen. Um trotz dieser schlanken Bemesssung die erforderlichen
Spannweiten erreichen zu können, werden die Knoten nach
der Formgebung der Schale schubfest verspannt, um die horizontal
auftretenden Schubspannungen aufzunehmen. Die flachliegenden
Latten addieren sich so zu einem statischen Querschnitt von
14 x 5 cm. Mit dieser erhöhten Steifigkeit wird die erforderliche
Tragfähigkleit der Konstruktion erreicht, bei gleichzeitig
höchster Flexibilität in der gewünschten Formgebung.
Die Eichen wurden in Frankreich, in der Normandie, geschlagen,
zu Latten aufgeschnitten und sägerau in Längen von
6 m nach England geliefert. Vor der weiteren Verarbeitung
wurden die Latten über ihre beiden Querschnitte probeweise
auf einen Radius von 9 m beziehungsweise 6 m gebogen, um etwaige
Schadstellen, wie Fehlwuchs, Äste, etc. aufzufinden.
Die Fehlstellen wurden herausgeschnitten und die verbleibenden
fehlerfreien Latten über Keilzinken mit Polyurethanleim
zusammengefügt. Anschließend wurden sie auf Dicke
gehobelt und in Fixlängen von 12 m auf die Baustelle
geliefert. Dort wurden sie erneut auf eine Länge von
36 m zusammengefügt und zur Gitterstruktur ausgelegt.
Der Knoten
Flach ausgelegt bedeckt das Gitternetz eine Fläche von 25 x
47 m. Der Lattenabstand beträgt 1 m und ist dort, wo
eine höhere Festigkeit und Steifigkeit gefordert wird,
auf einen Abstand von 50 cm reduziert. Während des Formungsprozesses
streckt sich das Gitter in seiner Länger um 3 m. Aus
demn quadratischen Feldern werden hierbei Romben unterschiedlicher
Größe mit unterschiedlichen Winkeln. Die Lage der
Knoten auf den Latten bleibt während dieser Formgebung
unverändert. Bei einer zweilagigen Gitterstruktur können
die Latten deshalb in den Knoten gebohrt und mit einem durchgehenden
Schraubbolzen drehbar fixiert werden. Die Ausführung
von vier Lattungsbenen mit einem Querschnitt von 40 cm Höhe
erfordert jedoch einen Schlupf der jeweils äußersten
und innersten Latte, da bei Wölbung der Konstruktion
die äußerste Schalenebene gestreckt, die innere
gestaucht wird.
Der vom Büro Happold entwickelte und patentierte Knoten
besteht aus drei übereinander angeordneten Stahlplatten,
die an den vier Eckpunkten mit Schraubbolzen untereinander
verspannt werden. Die in der Mitte ligende Stahlplatte liegt
in der schubneutralen Mittelzone der Schalenkonstruktion und
trennt das äußere vom inneren Gitternetz. Sie ist
mit einem zentral liegenden Drehbolzen versehen. Durch Bohrungen
in den beiden anliegenden Latten werden die beiden Gitterschalen
über diesen Bolzen gelenkig miteinander verbunden und
gleichzeitig die Knoten an ihrer vorgegebenen Stelle fixiert.
Formgebung
Um die dreifach gewölbte Schale zu formen, wurde im
Gegensatz zur bisher üblichen Methode, das Gitternetz
am Boden vorzumontieren und anschließend aufzurichten,
das Gitternetz in Firsthöhe auf einem Lehrgerüst
aufgebaut und anschließend abgesenkt. Die bautechnische
Umsetzung der geplanten Absenkung wurde sehr früh in
das Planungskonzept miteinbezogen. Die Tragwerksplaner von
Happold arbeiteten bereits in den ersten Entwurfsphasen eng
mit Ingenieuren von Peri Gerüstbau zusammen, um die Konstruktion
auf den Bauablauf abzustimmen. In der ersten Bauphase wurde
ein 50 m langes, 24 m breites und 5,5 m hohes Raumgerüst,
als ebenes Netzwerk errichtet. Oben komplett als Arbeitsplattform
abgedeckt, diente es als Lehrgerüst für in Arbeitshöhe
aufgeständerte GT24-Schalungsträger, auf denen die
Gitterstruktur mit ihren mehr als 1000 gelenkigen Kostenpunktes
aufgelegt wurde. Anschließend wurden einzelne Felder
aufgedeckt und durch diese Öffnungen höhenverstellbare
Multiprop-Aluminiumstützen geführt. Diese waren
unterhalb der Arbeitsbühne auf Konsolen der Vertikalstiele
des Raumgerüstes gelagert und übernahmen sukzessive
die Ablastung der eben ligenden Gitterschale. Entsprechend
der geplaten dreidimensionalen Formgebung folgte jetzt der
Rückbau des Gerüstes und gleichzeitig das Abspindeln
der Stützen. Lediglich in den Scheitelpunkten der Konstruktion
wurde das Gitter leicht angehoben. Die geschlossenen Belagsflächen
des Gerüstes ermöglichen den Handwerkern einen sicheren
Zugang zum Erreichen und Justieren der Knotenbleche sowie
zum Bedienen der Spindeln - trotz laufender Anpassungen des
Gerüstes an die sich verändernde Form der Gitterschale.

Aussteifung der Schale
Die statische Wirkung der Schale wird vervollständigt
durch die anschließende diagonale Verstrebung mit Latten,
die gleichzeitig die Unterkonstruktion für das Fensterband
und die Schalung bilden. Sie sind ebenfalls 3,5 x 5 cm stark,
unten horizontal angeordnet, im Bereich der Fensterbänder
vertikal verlaufend. Aus den frei drehbaren Rhomben entstehen
biegesteif verstrebte Dreiecke. Im Randbereich der auskragenden
Bodenplatte und der an den Hallenenden liegenden Parabolbögen
wird die Gitterstruktur zwischen zwei 25 mm starke, gebogene
Sperrholzplanken eingespannt.
Computergestützter Formfindungsprozess
Die Formfindung für Gitterschalen ist nicht geradlinig
und erfordert einen interaktiven Prozess von Berechnungsschritten.
Die letztendliche Form hängt wesentlich vom gewählten
Querschnitt der Latten und ihrem Abstand zueinander ab. Bei
der Definition des Netzes für die Computersimulation
wurden die in der Vorplanung ermittelten Knotenabstände
übernommen. Hierdurch konnte der spätere Verlauf
der Latten und Knoten exakt simuliert werden. Nach Abschluss
der Formfindung wurden die Raumkoordinaten der Computersimulation
direkt übernommen, und es war möglich, von der flach
ausgelegten Gitterschale über die Zwischenstadien des
Formgebungsprozesses die Absenkung über diese Daten exakt
zu steuern.
Die Form der Gitterschale wurde über eine dynamische
Relaxation bestimmt. Die Methode der dynamischen Relaxation
ist ein interaktiver Prozess, bei dem eine erste gewählte
Form des Modells ausgelenkt und anschließend deren kinetische
Energie analysiert wird. Solche Formfindungsprozesse untersuchen
im Allgemeinen nur die Auslenkungen einer reinen Kettenlinie,
um die endgültige Form zu generieren. Die Gitterschale
des Weald and Downland Museums weist jedoch keine reine Form
einer Kettenlinie auf - mit einem hängenden physischen
Kettenmodell könnte man die Sättel nicht erzeugen.
Daher war es notwendig, die Software des Programms dahingehend
zu modifizieren, dass auch die Biegesteifigkeit der Holzlatten
berücksichtigt werden konnte und ein wirklichkeitsgetreues
Modell erzeugt werden konnte. Mit dem Ergebnis der Modulationen
lassen sich die endgültigen Krümmungen jedes Elements
des Tragwerks bestimmen.
Berechnung des Tragwerks
Die Modellgeometrie der endgültigen Form wurde mit einem
elastischen Berechnungsprogramm analysiert (STAAD.Pro). Im
ersten Schritt wurde der Sicherheitsfaktor gegen Knicken untersucht.
Zwei Berechnungswege wurden miteinander verglichen. Mit der
Methode der dynamischen Relaxation wurden nach Theorie zweiter
Ordnung die Knicklasten bestimmt. Mit dem STAAD-Modell wurde
ebenso eine Berechnung nach der Theorie zweiter Ordnung durchgeführt
und die Verformungsfigur mit den nicht linearen Berechnungen
unter den selben Lasten verglichen. Der Vergleich der Ergebnisse
bestätigte, dass die Berechnungen mit STAAD eine gute
Voraussage des tatsächlichen Verhaltens ermöglichten.
Der Nachweis nach DIN 1052 (Holzbau), Abschnitt 9.6, wurde
angewandt, um nachzuweisen, dass mit einem ausreichenden Sicherheitsfaktor
gegen Knicken das Verhalten unter den Gebrauchslasten elastisch
ist.
Mit dem STAAD Berechnungsmodell wurden alle Schnittgrößen
für die Tragwerkselemente und die Verbindungen bestimmt.
Die Spannungsnachweise wurden nach dem Eurocode EC5 (ENV 1995-1-1)
geführt. Die Holzgüte entsprach den Anforderungen
nach englischer Norm D30.

Peter Gahr
Baumeister
(Zeitschrift für Architektur)
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