Dynamische Analyse der Beanspruchungen im Brückenüberbau
infolge Erschütterungen aus Gewinnungssprengungen im
unmittelbaren Bereich der Pfeilergründung

Luftbild der Talbrücke Schindgraben mit dem Kalksteinbruch
Rohr |
Berechnete Spannungen im Brückenbau (Untersicht)
infolge einer Sprengerschütterung im Fundamentbereich
(Spannungsplot STAAD.Pro) |

Berechnete Schwinggeschwindigkeiten und Frequenzspektren |
Erschütterungen in der unmittelbaren Umgebung von vorhandenen
Bauwerken stellen verantwortliche Tragwerksplaner immer wieder
vor die Fragestellung, ob die aus den Erschütterungen resultierenden
Beanspruchungen vom Bauwerk schadlos ertragen werden können.
Dies gilt insbesondere für Sprengerschütterungen,
deren Fortpflanzung über die Gründungssohle im Bauwerk
nur schwer zuverlässig vorhergesagt werden können.
Als Hilfsmittel für die Abschätzung der Verträglichkeit
liefern gültige technische Regelwerke (z.B. DIN 4150 Teil
1) Prognosegleichungen zur Abschätzung der kritischen
Schwinggeschwindigkeiten im Nahfeld (Gründungssohle) und Anhaltswerte
für die tolerierbaren Schwinggeschwindigkeiten im Gründungsbereich
und in der oberen Ebene des Bauwerks (z.B. DIN 4150 Teil 3).
Diese gelten vordergründig für Bauwerke des üblichen
Hochbaus. Anhaltswerte der tolerierbaren Schwinggeschwindigkeiten
für Stahlbetonbrücken finden sich in der Schweizer
Norm SN 640 312.
Gegenstand der nachfolgend beschriebenen
dynamischen Untersuchungen war die Beurteilung einer erforderlichen
Lademengenbegrenzung bzw. die Festlegung von Mindestabständen
von den Pfeilerfundamenten für Gewinnungssprengungen
im Kalksteinbruch Rohr, der von der Talbrücke Schindgraben
im Zuge der Bundesautobahn BAB 71 überspannt wird.
Bei der Talbrücke Schindgraben handelt es sich um getrennte,
extern vorgespannte Überbauten mit einer mit einer Breite
b = 14,25m. Die Brücken verfügen über eine
Gesamtlänge von 464 m und liegen in einem Kreisbogen
mit einem Radius R = 3800 m. Die Überbauten bestehen
jeweils aus einem Hohlkastenquerschnitt mit über die
Länge konstanter Querschnittshöhe. Das statische
System eines Durchlaufträgers setzt sich aus 10 Feldern
mit einer Stützweite Lst = 47,50 m zusammen. Die beiden
Randfelder weisen mit Lst = 46,50 m bzw. Lst =38,0 m kürzere
Stützweiten auf. Die insgesamt 8 flachgegründeten
Brückenpfeiler pro Richtungsfahrbahn sind mit über
die Höhe konstantem Querschnitt ausgeführt. Entsprechend
der Topologie des zu überbrückenden Tals betragen
die Pfeilerhöhen zwischen 8,0 ? H ? 60,0 m.
Zur Überwachung der Sprengerschütterungen ist
die Brücke mit einem Messsystem ausgestattet, das die
Schwinggeschwindigkeiten bei jedem Sprengereignis an einem
Stützenfuß und an einem Pfeilerkopf vertikal sowie
in Längs- und Querrichtung aufzeichnet. Da die Konsequenzen
einer Gewinnungssprengung dabei erst a posteriori festgestellt
werden können, und gegebenenfalls für den Betrieb
unzumutbare Brückeninspektionen mit unterbrochenem Verkehrsfluss
erforderlich würden, sollte der Einfluss der Sprengerschütterungen
rechnerisch analysiert werden.
Das Programmsystem STAAD.Pro gestattet
mit der Durchführung von Time-History-Analysen mit wirklichkeitsnahen
Anregungsfunktionen, die aus den vorliegenden Messaufzeichnungen
entnommen werden können, die numerische Ermittlung der
Eigenformen und der zugehörigen Eigenfrequenzen einschließlich
der Massenpartizipationsfaktoren zur Abschätzung der
zur erwartenden Schwingungsintensitäten. Gleichzeitig
können die Auslenkungen, Schwinggeschwindigkeiten und
Beschleunigungen für jeden Knotenpunkt des diskretisierten
Berechnungsmodells ausgewertet werden. Zudem können für
Stab- und Plattenelemente die maximalen Spannungsgrößen
zahlenmäßig und grafisch ausgewiesen werden.
Es wurden dynamischen Analysen zur Abschätzung der
erschütterungsbedingten Beanspruchungen mit folgenden Zielen
durchgeführt:
- Berechnung der Eigenformen und zugehörigen Eigenfrequenzen
einschließlich der Massenpartizipationsfaktoren vertikal
sowie in Längs- und Querrichtung
- Bestimmung der Übertragungsfaktoren zwischen Stützenfuß
und Pfeilerkopf für zahlreiche, messtechnisch aufgezeichnete
Sprengereignisse
- Vergleich zwischen Messung und Berechnung zur Verifikation
der Berechnungsergebnisse
- Ermittlung der maximalen Beanspruchungen (Spannungen)
im Brückenüberbau
- Bewertung der tolerierbaren Mindestabstände / Lademengen
unter statistischer Berücksichtigung der Streuungen
Für die Aufgabenstellungen wurde ein Berechnungsmodell
erstellt, bei dem die Brückenpfeiler durch Stabelemente
und die Überbauten mit Flächenelementen modelliert
wurden. Die Belastung wurde durch Kraft-Zeit-Funktionen an
einzelnen Fundamenten und zu vergleichszwecken als Baugrundbeschleunigung
(groundmotion) aufgebracht.
Im Ergebnis konnten Mindestabstände bei feststehenden
Lademengen, bzw. Lademengenbeschränkungen pro Zündstufe
bei feststehendem Abstand von den Fundamenten festgelegt werden,
bei denen uneingeschränkter Betrieb der Brücken
gewährleistet werden kann.
Mangerig und Zapfe,
Beratende Ingenieure GmbH
Schlierseestraße 73
D-81539 München
Tel.: +49 (0)89 62000022
info@mazam.de
http://www.mazam.de
Stahlbau, Heft 10, Oktober 2005 |